(10) Die Verwandlung

Ich war eigentlich nie ein großer Läufer. Mir ging schon immer schnell die Puste aus und ich empfand das Laufen in meiner Jugend als eine schreckliche Qual. Auch das Klettern gehörte lange Zeit nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Warum auch? Bereits seit meiner Kindheit habe ich Angst vor der Höhe. Und nicht zu vergessen, dass meine Oberarme meinen wuchtigen Körper gar nicht halten konnten. Ein Hindernislauf stand somit niemals auf meiner Agenda, doch ganz untätig war ich all die Jahre nicht (dafür aß ich einfach zu gerne). Ich suchte mir Sportarten, bei denen ich Spaß hatte und gar nicht merkte, dass ich meine Muskeln anstrengte. Meine Wahl fiel auf Zumba und Yoga. Durch das Training für den Lauf habe ich mich lange nicht mehr in den Kursen blicken lassen. Doch immer wenn ich kurz davor bin, das „krass-fitte Handtuch“ zu werfen, gehe ich mich mal wieder auf lateinamerikanischen Rhythmen austoben. Allerdings war es beim letzten Mal irgendwie anders.

Zumba ist einfach genial: ein Tanz-Fitness-Work-Out bei lauter, fröhlicher Musik. Hier darf Jeder wild sein, wie eine Diva durch den Trainingsraum fegen und alle Sorgen des Alltags einfach wegtanzen. Bereits nach ein paar Kursstunden, wenn man die Choreographie einigermaßen beherrscht, setzt dieses wundervolle Gefühl ein, man bewege sich wie die Background-Tänzerinnen von Madonna. Ich schreibe bewusst im Konjunktiv. Ein Blick in den Spiegel des Fitnessraumes verrät die Wahrheit: die gefühlte Anmut ist in Wirklichkeit ein erschöpftes Hinterherlaufen, der vermeintliche Sex-Appeal sind unrhythmische, steife Hüftbewegungen und die eben noch als fantasievoll empfundenen Interpretationen sind Ausdruck des Zustands, wenn man die Schritte nicht kennt und wahllos nach links oder rechts stolpert, während alle im Raum die entgegengesetzte Richtung einschlagen. Nun ja, seitdem mir das bewusst geworden ist, vermeide ich den Blick in den Spiegel und genieße die Gedanken an meine Karriere als Background-Tänzerin.

Allen Neueinsteigern sei aber gleich gesagt, nicht jeder Kurs macht gleich viel Spaß. Das meiste hängt vom Trainer ab. Ich mag südländische Männer als Trainer (und das nicht, weil es dann auch immer was zu gucken gibt). Sie sprühen einfach vor Energie, die sie auf dich übergehen lassen, feuern dich zu Höchstleistungen an, so dass die Jubelrufe – die beim Zumba ausdrücklich erlaubt sind – nur so aus dir heraus strömen. Ich habe einen solchen guten Trainer. Doch wegen meiner zahlreichen Trainingseinheiten im Schlamm und in windigen Höhen war ich lange nicht mehr da. Heute ist es aber an der Zeit, ich muss mal wieder etwas machen, was mich nicht frustriert, sondern Spaß macht.
Es geht los, die ersten Beats quälen sich aus der Box und eine noch träge Meute an Fitness-Mädels setzt sich in Bewegung. Bereits die ersten Töne zaubern ein Lächeln auf mein Gesicht. Fühlt sich an wie auf einer Achterbahn, wenn der Wagon sich langsam in Bewegung setzt. Dann kribbelt es auch leicht im Bauch und man freut sich auf das, was noch kommen wird.

Es geht ans Hüftkreisen. Das ist einfach, den Dreh habe ich raus. Ich bringe mein Bauchfett einfach zum Schwingen und dann gilt es nur noch, es eine ganze Stunde lang in Bewegung zu halten. Doch heute fühlt es sich anders an. Ich bewege meine Hüfte, mein Fett schwabbelt nicht. Ich schau runter. Krass. Ein Großteil meines Fetts ist verschwunden.

Der Gedanke „Abgefahren“ beherrscht mich und ich drehe voll auf. Euphorisch lege ich mich in die Bewegungen. Schnelle Schritte zur Seite, rasante Drehungen nach links, nach rechts. Und dann springe ich. Höher als alle anderen, so hoch als könnte ich fliegen. Das ist es! Die Verwandlung! Meine Superkräfte aktivieren sich. Ich bin schnell. Und hoch. Und komme nicht aus der Puste. Ich tanze wie ein Duracell-Männchen, dem niemals die Energie ausgeht. Ich jubele, tobe, drehe mich vor Freude im Kreis.

Der Trainer geht runter in die Knie. Viele bekommen ihren Hintern nicht mal ansatzweise Richtung Boden. Ich mache eine saubere Kniebeuge und freue mich über die Tiefe, die ich erreiche und aus der ich auch problemlos wieder hochkomme. Ich folge den schaufelnden Bewegungen des Trainers: rechte Hand, linke Hand nach unten. Und wieder hoch. Zwei Schritte im Stehen. Und wieder runter. Wieder bin ich unglaublich tief und setze zu den Armbewegungen an. Die Glückshormone betören mich und setzen leider komplett meine Motorik außer Kraft. Denn anstatt eine Wellenbewegung mit den Armen zu machen, ramme ich meinen Daumen in den Boden. Warum? Das weiß ich nicht. Aber es tut gnadenlos weh. Ich springe hoch (sehr hoch) und umklammere meinen Daumen. Eine Handverletzung beim Zumba. Wie wahrscheinlich ist denn das? Ich muss mich zusammenreißen, um nicht laut vor Schmerz aufzuheulen. Drehe mich im Kreis. Was bin ich ein Idiot.

Mit etwas gedämpfter Stimme tanze ich die Stunde zu Ende. Der Daumen wird dick, gleich nach dem Training werde ich ihn kühlen. So viel also zum Superhelden-sein. Warum musste mir so ein Blödsinn passieren. Hatte Tor sich seinen Hammer eigentlich auch erst einmal auf den Fuß geschwungen, bevor er Bösewichte damit verprügelte? Oder Spiderman sich in seinen Spinnenfäden verhangen? Egal wie es war, überliefert ist davon nichts. Bleibt also nur zu hoffen, dass die Geschichtsschreiber diesen Teil bei mir auslassen werden, denke ich mir, als ich den Kühl-Akku auf meinen Finger lege. Und freue mich, morgen mal wieder ne ordentliche Runde laufen zu gehen.

Weiter geht’s mit (11) Das vorzeitige Aus

Related posts

Leave a Comment