Schmatz & Schmüsli: Der Bauchkrauler (Teil 5)

„Wuaahhhr!“, mit einem gruseligen lauten Schrei schreckte Schmatz aus seinen Träumen. Was für ein Wahnsinn. Er hatte geträumt, von einer stinkenden Königin, der bösen Schniefmutter entführt worden zu sein. Die ganzen Vorbereitungen zum Monsterbund hatten ihn wohl nervös werden lassen. Er streckte die Hand nach seinem Schmüsli aus, doch griff ins Leere. Er machte die Augen auf und erschrak: Das war gar nicht in seiner Höhle, sondern ein unfreundlich anmutender, dunkler Raum. Schmatz stand auf und kniff die Augen zusammen, alles war verdammt unscharf. Er rieb sich über sein Gesicht und fischte in seinen Erinnerungen.

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Es war also doch kein Traum gewesen. Alle Gäste waren da gewesen und er war mit Schmüsli nach vorn geschritten. Und dann war diese hässliche Gestalt am Himmel aufgetaucht und hatte ihn geschnappt. So schossen so schnell durch den Himmel, als wären sie auf einer Kanonenkugel geritten. Die Welt unter ihnen war immer kleiner geworden. Und obwohl der Wind um ihre Körper peitschte, brachte der Gestank der Schniefmutter das Schmausemonster zum Würgen. Und dann … Dann hatte er keine Erinnerungen mehr.

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Noch einmal atmete er tief durch und öffnete seine Augen wieder. Er erkannte, dass er von einer dunklen Wolke umgeben war. Die Wände sahen aus wie schwarze Zuckerwatte und Regentropfen rannen an ihnen herab. Der Raum war an der der langen Seite durch Gitterstäbe abgetrennt. Schmatz stand auf. Der Abstand zwischen ihnen war recht weit, vielleicht passte er dazwischen. Seine Pfote berührte zaghaft einen der Stäbe. Ein Blitz durchzuckte plötzlich seinen Körper und schleuderte ihn gegen die Wand.

Bei allen bösen Geistern aus dem Fliederwunderwald – was war denn das? Das Schmausemonster untersuchte seine Pfote. Seine Fellhaare kräuselten sich und rochen verbrannt. Sein Kopf pochte, sein Herz raste.

„Das würde ich nicht tun“, sagte eine leise Stimme.

Schmatz drehte sich um, konnte aber niemanden erkennen.

„Wer spricht da?“, rief er wütend.

„Wenn du meinen Namen meinst: Ich heiße Kauz, Komischer Kauz. Wenn du dich fragst, von woher ich spreche: Ich bin in der Nachbarzelle untergebracht“, erklärte er.

„Wo sind wir hier?! Und was war das da gerade?“, fragte das Schmausemonster.

„Wir sind in den Kerkern der bösen Schniefmutter. Und da ihr Schloss hoch in den Wolken thront, befinden wir uns sozusagen gerade in einer Schlecht-Wetter-Wolke. Experten nennen sie Nimbostratus. Die netten Gitterstäbe, mit denen du bereits Bekanntschaft gemacht hast, sind ausrangierte Blitze. Sie verhindern jeden Ausbruch. Lass es dir gleich gesagt sein: Das war nur eine Kostprobe von dem, was sie anrichten können. Sie erhöhen die Intensität ihrer Schläge, umso öfter du sie berührst. Kein schönes Gefühl, glaub mir. Ich habe einige Federn lassen müssen für diese Erkenntnis. Und was führt dich hierher, wenn ich fragen darf?“

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„Ich soll Schaudermusik spielen“, brummte Schmatz leise und lies sich wieder auf den Boden fallen.

„Das führt sie also im Schilde. Sie will mit einem Schauderball ihren hundertsten Geburtstag angemessen feiern. Umso mehr Katastrophen sie provoziert, um so zufriedener wird sie. Ich wusste gar nicht, dass dieses grausame Handwerk noch jemand beherrscht“, wunderte sich der Kauz.

„Wendete man dieses Handwerk in Maßen an, kann es viel Gutes bewirken. Deswegen wurde es in unsere Familie von Schmausemonster zu Schmausemonster weitergegeben. Wir haben es nie groß herum erzählt, sondern dieses Geheimnis nur wenigen anvertraut. Ich weiß nicht, woher sie es wusste. Viel wichtiger ist jetzt aber die Frage: Wie kommen wir hier raus?“, fasste es Schmatz zusammen.

„Das kann ich dir leider nicht sagen. Ich sitze schon seit einigen Jahren in Gefangenschaft – und habe schon einiges probiert, doch ohne Erfolg. Wenn ich nicht bald rauskomme, werde ich verrückt. Meine Federn verlieren jede Farbe und mein Verstand beginnt bereits mir Streiche zu spielen.“

„Ich muss das Mausemonster informieren. Wenn sie weiß, wo wir uns befinden, wird sie Hilfe holen.“

„Was willst du tun? An der Rezeption eine Nachricht hinterlassen? Wir schweben weit entfernt über der Welt“, winkte der Kauz ab.

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Schmatz rieb sich mit seiner Pfote über den Kopf. „Streng dich an! Es gibt immer eine Lösung“, feuerte er sich selbst an.

Auf einmal sprang er auf und rief: „Ich hab’s! Ich werde ihr einen Bauchkrauler senden. Auf diese Weise wird sie wissen, wo wir sind und dass wir Hilfe brauchen.“

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„Einen Bauch-bitte-was?“, fragte der Kauz.

„Ein Bauchkrauler ist eine Figur des MoTchi – dem MonsterTaiChi. Wer eine ganz bestimmte Bewegungsfolge korrekt ausführt, kann ein Zeichen entsenden.“

„Und das kannst du?“, Kauz war erstaunt.

Schmatz räusperte sich. „Ich weiß, theoretisch, wie es funktioniert. Es ist mir bisher noch nie gelungen. Aber heute wäre doch ein guter Tag dafür“, erklärte er.

Ein leises „Oh …“ war aus der Nachbarzelle zu hören. Doch das Schmausemonster ließ sich nicht verunsichern. Aufgeregt lief es durch den Raum. Von welcher Stelle sollte er beginnen? Am besten in der Mitte des Raumes. Er brachte sich in Position. Die Bewegungen mussten exakt ausgeführt werden, damit so ein Bauchkrauler klappte.

Er stellte sich auf. Seine Beine waren hüftbreit ausgerichtet, seine Arme hingen vor dem Körper, die Schultern waren nach unten gezogen. Er begann tief durchzuatmen. Nur wem es gelang, den Atemrhythmus gleichmäßig wiederzugeben, konnte die perfekte Form erreichen. Er hörte einen dumpfen Ton, wahrscheinlich sagte der Komische Kauz etwas zu ihm. Aber er musste sich jetzt konzentrieren. Nur noch atmen und an den Bauchkrauler denken. Einen Augenblick verweilte er noch in diesem meditativen Zustand und dann begann er sich zu bewegen. Er führte seine Tatze schräg nach oben, bewegte seinen Körper hinterher, schwang die Arme über seinem Kopf.

Es war einem Kunstwerk gleich anzusehen, wie er sich durch das Zimmer bewegte, gleichmäßig und so sanft als würde er schweben. Schließlich setzte er zum Sprung an. Er kam aus einer Drehung, strich sich mit seiner Pfote über den Bauch und dachte an das Mausemonster. Ihr Gesicht war zum Greifen nah. Wasser tropfte von ihrem Fell, während sie auf ein Gebäude zulief. Schmatz warf seine Arme nach oben und vollführte komplizierte Handbewegungen. Er ballte die Hände zur Faust und schlug sie mit aller Kraft in den Boden. Ein lauter Knall war zu hören, die Gitterstäbe glühten und ein mächtiger Druck schleuderte Schmatz kopfüber zur Wand. Er fiel in Ohnmacht.

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