Schmatz & Schmüsli: Der Monsterbund (Teil 2)

Der Monsterbund (2)

Die dunkle Gestalt am Himmel war die sagenumwobene Schniefmutter. Ihre verfilzten Haare hingen vom Kopf wie alte Schlangenhäute. Der Körper war dreckig und verhüllt mit schimmligen Lumpen. Mächtige Krallen zierten ihre Beine. „Einer von euch kann Musik machen, die das Blut in den Adern erfrieren lässt“, krächzte sie und spuckte dabei Speichelfäden.

Schmüsli erstarrte. Sie wusste genau, wen sie suchte: Ihren Schmatz. Die Schmausemonster waren grundsätzlich eine sehr gesellige Gattung. Traditionell gehörte es deswegen zu jedem Futtergelage, zu musizieren. Schmatzes Familie sich über Generation dazu Wissen angeeignet, dass sie befähigte, Wundersames zu erreichen. Sie brachten ganze Monsterscharen zum Tanzen, wenn sie auf alten, hohlen Baumstämmen trommelten. Mit rührseligen Klagetönen, die sie Meeresmuscheln entlockten, ließen sie das Herz jedes noch so grimmigen Fieslings dahinschmelzen. Und bei der zarten Liebesmusik, die sie durch das Zupfen feiner Gräser erzeugten, hatten viele Bewohner des Fliederwunderwaldes schon ihr Glück gefunden. Doch die Gabe hatte auch eine dunkle Seite. Schmatz versuchte seit seiner Kindheit, diese Fähigkeit vor anderen geheim zu halten, aus Angst eines Tages würde die Information die falschen Kreise erreichen. Anscheinend war dieser Tag heute gekommen.

Die Schniefmutter hob ihre knochige Hand, sie deutete auf Schmatz: „Du brauchst es nicht zu leugnen. Ich weiß, dass du es kannst!“

Reflexartig schüttelte Schmatz den Kopf. „Da … ähm … müssen Sie mich wohl mit jemanden … verwechseln“, stotterte er und rückte an sein Schmüsli. Die Schniefmutter schwebte herab und landete direkt vor seinen Füße. Der Gestank wurde schlagartig unerträglich. Fast alle krümmten sich, begannen zu husten und zu würgen. Einige der Gäste übergaben sich sogar. Nur Schmatz blieb regungslos stehen. Die Schniefmutter starrte direkt in seinen Augen.

Der Monsterbund (2): Schniefmutter

Schmüsli drängte sich zwischen die beiden: „Hey, Hexe. Du bist nicht eingeladen. Also, verschwinde, wir haben hier Besseres zu tun!“, rief sie dem ungeladenen Gast entgegen.

Die Alte lächelte nur, holte tief Luft und donnerte erneut ein Niesen hervor. Dieses Mal war es so gewaltig, dass es alle Anwesenden zu Boden riss: Schmüsli flog in einen der naheliegenden Sträucher. Die Regenbogenunken und Sternenträger schleuderte es die Lichtung hinunter. Und selbst Keule, der für seine Standfestigkeit bekannt war, stolperte und stieß sich am Kopf. Nur einer blieb stehen: Schmatz.

Der Monsterbund (2): Schmüsli

Dann passierte alles ganz schnell: Die Schniefmutter krallte das Schmausemonster, hob vom Boden ab und stieg immer höher, bis sie in der riesigen dunklen Wolke verschwand, die sich sofort in Bewegung setzte. Weitere dunkle Wolken hatten sich am Himmel zusammengezogen und es begann zu regnen.

Der Monsterbund (2): Entführung
Das Mausemonster rappelte sich auf und blickte nach oben. Ihr Liebster war nicht mehr zu sehen. Die Wolke trieb in Windeseile Richtung Norden. Inzwischen war nur noch ein schwarzer Punkt in der Ferne zu sehen.

Immer mehr Regentropfen fielen vom Himmel, so groß wie Pflaumen. Schmüsli spürte, wie das Wasser durch ihr Fell drang, doch das war ihr egal. Sie konnte den Blick nicht von der schwarzen Wolke lassen, die in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit davon raste, bis nur noch ein Kondensstreifen zu sehen war. Ihr Herz krampfte. Schmatz war entführt.

Der Monsterbund (2): Die Gäste

Schmüsli wendete den Blick vom Himmel ab und schaute sich um. Die Gäste kamen wieder auf die Pfoten und begannen sofort, sich vor dem Regen in Sicherheit zu bringen. Sie flohen in ihre Nester, Höhlen, unter Bäume und Sträucher.

„Bleibt stehen!“, rief sie. „Wir müssen meinen Schmatz befreien!“ Doch in der Aufregung hörte keiner die zittrige Stimme des Mausemonsters.Es dauerte nicht lange, bis sie alleine auf der Lichtung stand. Sie schlug ihr Pfoten auf das Gesicht und begann zu weinen. Wie sollte sie ihren Geliebten wiederfinden?
Plötzlich drückte eine Tatze auf ihre Schulter. Jemand stand hinter ihr. Erschrocken drehte sie sich um.

„Die Alte hat mich mit ihrer Schnieftour tatsächlich außer Gefecht gesetzt“, brummte Keule und rieb sich den Kopf.

„Keule! Du bist noch hier! Alles in Ordnung?“ fragte das Mausemonster und begutachtete seinen Schädel.

„Alles halb so schlimm! Ich bin eben der Keule mit der Beule. Und jetzt lass uns der Spur am Himmel folgen. Ich hab mit der Stinketante noch ein Hühnchen zu rupfen. Ich will doch das traditionelle Monstergelübde vortragen. Immerhin habe ich es extra auswendig gelernt. Das wird mir so ne dunkle Ische bestimmt nicht versauen.“

Der Monsterbund (2)

Schmüsli umarmte den Zerberus-Bär und seufzte. Sie konnte es nicht Erleichterung nennen, aber sie war beruhigt, dass wenigstens Keule an ihrer Seite sein würde. Sie hatte keine Vorstellung davon, wohin der Weg sie führen würde, aber sie ahnte, dass es nicht leicht werden würde.

„Danke dir“, sagte Schmüsli.

„Wuhaarr!“, antwortete Keule.

Weiter geht’s mit „Der Funkenschlag (Teil 1)“
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