Die Schatten der Vergangenheit

Sollte es wahr sein, dass das Schlechte, was uns im Leben begegnete, immer zurückkam? Nein, du glaubst nicht daran. Du bist jemand, der sich einredet, alles im Griff zu haben, nicht wahr? Denn deine Schatten hattest du längst vergraben. Nie wärst du auf die Idee gekommen, dass sie sich je befreien könnten. Ein Fehler, ein mächtiger Fehler.

Deine dämonischsten Momente hattest du vor Jahren in ein festes Baumwolltuch eingewickelt und anschließend in einer Metallkiste mit beeindruckendem Sicherheitsschloss weggesperrt. Nicht genug der Vorsicht hast du sie in einer Vollmondnacht hinter einer alten, baufälligen Villa in einem moderigen Garten mit verwachsenen Bäumen geschleppt. Noch heute spürst du, wie deine Hände den Holzstiel des Spatens umklammerten und sich die Oberkante des Metallblattes in deinen Fuß bohrte, weil der Boden so unfassbar fest war, sich so lange wehrte. Doch die Angst vor dem, was verschlossen neben dir lag, entfesselte ungeahnte Kräfte. Du hast dich durchgekämpft, Erdhaufen um Erdhaufen herausgehoben und schließlich – dir stand der Schweiß längst auf der Stirn – war das Loch so tief, du hättest selbst hinein gepasst. Da hast du die Kiste an die Kante geschoben und sie in das dunkle Loch gekippt. Rumms, weg war sie.

Erleichtert hast du durchgeatmet und die Erde zurück geschüttet. Schicht für Schicht hast du sie platt geklopft, und um ganz sicher zu gehen, bist du gleich einem verrückten Regentänzer über den Haufen gehüpft bis er so dicht war wie Asphaltbeton. Nie wieder sollten die Schatten der Vergangenheit das Tageslicht sehen. Dein Bannspruch lautete: Ewiges Vergessen!

Dann hast du noch einen letzten tiefen Atemzug genommen und bist losgerannt. Was warst du schnell! Als wäre ein Schlägertrupp oder hungrige Wölfe hinter dir her. Erst nach einer kilometerweiten Ewigkeit konntest du die wilde Kraft deiner Füße bremsen. Es dämmerte und ein neuer Tag drängte über die Häuserdächer. Machen wir was draus, hast du gedacht und warst überzeugt, die Schatten der Vergangenheit nie wieder zu sehen.

Bis zum heutigen Tag hattest du Glück. Es ist ein Mensch, der dir die Hand schüttelt, ein Geruch aus der Küche oder ein Lied aus dem Radio, das dieses heftige Ziehen im Bauch verursacht. Du sagst, es ist der starke Kaffee, aber ganz tief in dir drin, weißt du, was passiert: Die Schatten, sie kriechen aus ihrem Versteck.

Sie sind leise und im Tageslicht nicht zu erkennen, aber du spürst, wie sie sich auf die Lauer legen. Sie warten den Lärm des Tages ab, denn wenn du zur Ruhe kommst, sind sie am stärksten.

Beeindruckend wie lange du es ohne Schlaf aushältst, die Sockelleisten geputzt, die Garage aufgeräumt, selbst die Ecken in der Küche sind alle blitzeblank. Ein kräftiges Gähnen, die Lider hängen tief – was soll’s, du gehst zu Bett. Deine Augen sind noch nicht lange zu, da wagen sie sich aus ihrem Versteck. Sie kriechen heran und walzen ihre unförmigen Körper über den Boden. Ihr Kampfschrei klingt wie das Ächzen eines Sterbenden. Während du noch hoffst, dass sie dich nur verschrecken wollen, gehen sie zum Angriff über: Blitzartig werfen sie sich auf dich, sodass du unter ihrer Last kaum mehr Luft bekommst. Du ringst nach Atem und ihr Plan geht auf: Denn sie haben sich in schwarzen Dunst verwandelt und dringen mit jedem deiner Atemzüge in dich ein. Die Schatten fluten deine Venen, lähmen deine Muskeln, vergifteten dein Herz und deine Gedanken.

Mit einem erstickten Schrei schreckst du auf. Deine Hand schnellt zum Lichtschalter, der auf Kommando alles in ein grelles Weiß taucht. Du bist alleine, eingehüllt in Stille. Nur dein Herz hämmert. Deine Kehle ist ausgetrocknet, deswegen schiebst du dich aus dem Bett. Und während der Nebel des Traumes sich langsam verzieht, holst du dir ein Glas Wasser und setzt dich an den Küchentisch.

»Alles ist gut«, sagst du, weil niemand anderes da ist, der es sagen kann. »Es gibt hier nichts, wovor man sich fürchten muss.«

Wen willst du damit überzeugen?

Da sind sie wieder: Schlurfgeräusche. Die Schatten folgen dem Pochen deines Herzens. Sie kommen. Panisch eilst du ins Nebenzimmer und setzt dich an den Schreibtisch. Du knippst die kleine Lampe an, denn du weißt, dass sie das Licht meiden. Daraufhin kramst du in den Unterlagen. Rechnungen, Briefe, Gutscheine – all das sollte schon lange einmal sortiert werden. Also schiebst du alles von links nach rechts, um es dann wieder an seinen ursprünglichen Platz zu tun. Das Rascheln der Papiere beruhigt deinen Herzschlag. Du kannst die Schatten schon gar nicht mehr hören. Vielleicht haben sie sich ein neues Opfer gesucht, malst du dir aus.

Ich bitte dich, du bist nicht allein. Sie lungern in den dunklen Ecken, von wo aus sie dich beobachten. Sie sind nicht in Eile und haben es sich bequem gemacht. Denn sie wissen, egal wie sehr du dich anstrengtest, irgendwann wirst du müde.

Und dann schlagen sie wieder zu.

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