Ansichtssache

»Und du darfst nicht vergessen: Der Syrer, der zu uns kommt, hat noch sein Syrien. Wenn wir Deutschland verloren haben, haben wir keine Heimat mehr«, gab Bernd zu Bedenken und prostete mir mit einem Kölsch zu. Nachdenklich führte ich mein Glas zum Mund, verschluckte mich, hustete und spuckte – aus Versehen – in seine Richtung. Hatte er das gerade wirklich gesagt?

An welcher Stelle, war mir dieses Gespräch dermaßen entglitten? Ich drehte die letzte viertel Stunde noch einmal zurück: Bisher war ich recht angetan von Bernd, dem Bruder meiner Kollegin Clara. Genau wie ich hatte er Geschichte studiert. Inzwischen arbeitete er in Thüringen – ein Fakt, für den es bei mir grundsätzlich Sympathiepunkte gab, weil ich dort geboren und aufgewachsen war. Mehr noch mochte ich seine zuvorkommende Art. Er hielt uns die Tür auf, half mir aus dem Mantel und noch bevor alle saßen, bestellte er einen Kranz Kölsch für die Runde. Obwohl wir uns nicht kannten, kamen wir problemlos ins Gespräch.

Er war eigentlich Lehrer, aber aktuell arbeitete er als Abgeordneter im Thüringer Landtag. »Kein leicht verdientes Brot bei all der Politikverdrossenheit«, warf ich ein und ergänzte, dass ich die PR-Sprache der meisten Politiker kaum noch ertragen konnte. Er zwinkerte und seine blauen Augen strahlten mich an. Ich erzählte, wie ich immer öfter weghörte, während sich die politische Elite über die Inhalte von Zukunftsreformen fetzte. Allerdings – führte ich zu meiner Verteidigung an – hatte ich den Eindruck gewonnen, dass sie sich heutzutage zu viele Leute Gedanken darüber machte, was die Wähler angeblich hören wollten, statt auf konkrete Fragen realistische Lösungen zu finden. Bernd nickte und seine Mundwinkel wanderten fast bis zu den Ohren, so zufrieden schien er mit meiner Antwort zu sein. Prompt fühlte ich mich in die Schulzeit zurückversetzt.

Er betonte, dass er alles genau so sah, und fasste das Problem noch einmal zusammen: »Es gibt ein Altparteien-System und deren Vertreter geben den Bürgern das Gefühl, für den Machterhalt jeden Inhalt zu opfern.« Ich stutzte und kratzte mich am Kopf. Naja, um Macht ging es in der Politik seit der Antike und dass sich alle Parteien der Mitte annäherten, hatte ich auch schon mehrmals gehört. Dennoch beschlich mich das Gefühl, nicht das Gleiche zu meinen wie Bernd. Seine Wortwahl war ungewohnt und obwohl er klar und deutlich sprach, ließ sein Gesagtes eine Menge Raum für Interpretation. Zudem war Bernds Tonfall streng geworden, als würde er Regeln verkünden – wie dass alle, die in der Pause den Schulhof verließen, einen Verweis bekamen.

Ich schaute mich um. Alle Tische der urigen Kneipe waren besetzt und selbst an der Bar war es so voll, dass die Gäste in zweiter Reihe standen. Auf einer großen Leinwand raste gerade Thomas Müller über den grünen Rasen und einige laute Pfiffe würdigten sein athletisches Können. Die meisten Gäste waren allerdings in Gespräche vertieft. Sie gestikulierten wild, ihre Körper bebten immer wieder vor Lachen und regelmäßig erhob einer sein Glas und grölte einen Trinkspruch. Außer mir hatte also niemand gehört, was Bernd gerade gesagt hatte. Wir saßen zu sechst ganz eng zusammengepfercht an einem winzigen Holztisch, aber Clara und die Mädels hatten sich, in eine Debatte über natürliche Haarschaumfestiger verbissen.

Da ich nichts sagte, dozierte Bernd weiter: »Die alte Elite glaubt im Besitz der Wahrheit zu sein, doch haben die kein Erkenntnisinteresse, die wollen nur stigmatisieren. Ich rede immer von dem ›betreuten Denken‹ durch die Altparteien. Dabei sind die Deutschen klug genug, sich selbst eine Meinung zu machen. Aber wir werden uns das Land zurückholen.«

Betreutes Denken? Unser Land zurückholen? Seine Worte waren wie Wurfgeschosse, die auf mich prallten und mich aus dem Gleichgewicht brachten. Mein Kopf war träge vom Bier und dem Trubel des Tages, doch mein immer schneller schlagendes Herz, ermahnte mich, konzentriert zu bleiben. Ich wollte Clara einbinden, hoffte, sie würde die richtigen Worte finden. Aber die Frage, ob Leinsamen geeigneter ist als Eiweiß, musste noch abschließend geklärt werden. Und da ich ihre Aufmerksamkeit nicht gewinnen konnte, übernahm ich wieder: »Unser Land zurückholen? Wie meinst du das?«

»Na, das ist ganz einfach: Unser sozialer Friede in Deutschland ist durch den Import nicht integrierbarer Zuwanderer gefährdet. Stolze Städte verwahrlosen immer mehr und sind zu Brutstädten von Gewalt, Kriminalität und islamische Fundamentalisten geworden …«

Nachdem ich meinen aufgeklappten Mundwinkel wieder bewegen konnte, unterbrach ich ihn mit einem genuschelten »Woas?«. Bernd hielt inne, er strich seine Haarsträhne nach rechts, musterte mich und zog die Augenbraue hoch, als könne er nicht verstehen, was hier nicht zu verstehen war. Ich hakte nach: »Das klingt ja nach einem ganz schönen Schreckensszenario, aber Zuwanderer plündern doch nicht unsere Städte und schänden unserer Frauen wie die Wikinger. Syrische Flüchtlinge fliehen vor einem mörderischen Bürgerkrieg. Bevor man mir die Zehennägel einzeln rauszieht oder meine Kinder an die Wand stellt, um sie abzuknallen, hätte ich auch das Weite gesucht.«

»Da hast du natürlich recht«, entgegnete er. »Ich stehe auch absolut für das verfassungsmäßige Asylrecht ein. Wir Deutschen sind ein großzügiges Volk, das humanitäre Leistungen erbringt. Aber es gibt einige Wirtschaftsflüchtlinge, die uns ausnutzen.«

Irgendwas lief hier schief. Ich konnte das doch jetzt nicht stammelnd akzeptieren. Also kniff ich die Pobacken zusammen und startete den Gegenangriff mit einem lauten »Aber …«. Ein Schlag ins Leere, denn er sprach weiter, ohne auf meinen Einwand zu reagieren: »Und weißt du, ich reise durch viele deutsche Städte. Und überall sehe ich Merkels Gäste: junge Männer, die gelangweilt in ihre Smartphones schauen. Millionen hat das Establishment in unser Land geholt – ohne Perspektive. Und gerade du als Frau in Köln müsstest wissen, wie gefährlich das sein kann.« Und dann ergänzte er den Satz mit den Syrern, die ihre Heimat noch hatten und den Deutschen, die sie verlieren.

Wow. Sein Konter traf mich mitten ins Gesicht, machte mich sprachlos. Wie konnte jemand, der so charmant daher kam, so einen Unsinn reden? Argumente, Positionen, Informationen – alles, was ich in letzter Zeit gehört oder gelesen hatte, flog durch meinen Kopf. Doch worauf sollte ich jetzt eingehen? Was musste ich richtigstellen? Auf eine politisch-ideologische Diskussionsrunde war ich nicht vorbereitet. Trotzdem musste ich mich beim nächsten Schlagabtausch endlich behaupten.

»Wir sind uns doch hoffentlich einig, dass nicht alle Flüchtlinge Vergewaltiger sind?«, fragte ich und ließ ihm keine Zeit, das Monolog-Ruder wieder zu übernehmen. »Ich bin der Überzeugung, wenn jemand Hilfe braucht, sollte man ihm die Hand reichen, und nicht hinter einer Mauer verrecken lassen!«

»Deine Solidarität ehrt dich wirklich«, räumte er ein. »Aber unsere einst hochgeschätzte Kultur droht, in einer multikulturellen Beliebigkeit zu verschwinden.«

»Jetzt aber mal stopp, wir haben doch beide Geschichte studiert. Es hat immer einen Austausch von Kulturen gegeben und der hat uns bereichert und zu dem gemacht, was wir heute sind. Und nicht zuletzt, sagte auch unser thüringischer Dichter Goethe: ‚Edel sei der Mensch, hilfreich und gut‘.«

»Auf jeden Fall!“, stimmte Bernd mir zu. „Er sagte aber auch: ‚Wer sich den Gesetzen nicht fügen will, muss die Gegend verlassen, wo sie gelten‘. Integration kann nur gelingen, wenn wir gut qualifizierbare, integrierbare Menschen nach Deutschland lassen. Anstatt für alle so viel Geld auszugeben, dass deutsche Rentner in den Mülltonnen nach Pfandflaschen suchen müssen.«

Dieser Satz ging voll in die Magengrube. Jetzt war mir übel. Obendrein hatte ich das Gefühl, mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Ich tat also das einzige, was mir in diesem Moment vernünftig erschien: Ich klopfte auf den Tisch und erklärte, dringend auf Toilette zu müssen. Ohne auf seine Reaktion zu warten, stand ich auf und ging.

Mit jedem Schritt durch die Menschenmassen ordnete sich das Durcheinander meiner Gedanken. Kurz vor der Tür drehte ich mich noch einmal um: „Jetzt, jetzt, jetzt!“, rief ein Mann, der an der Theke stand, und riss seine Arme hoch. Plötzlich reckten alle ihren Kopf, um einen Blick auf dem Bildschirm zu erhaschen. Dort startete die deutsche Mannschaft gerade einen neuen Angriff. Ein schnelles Passspiel brachte sie flott nach vorne, verwegene Kicks vorbei an der Verteidigung und dann: Tor! Die Leute tobten, fielen sich in die Arme.

Auch Bernd streckte die Faust in die Luft und jubelte mit der Menge. Dann stieß er mit den Mädels an und trank sein Bier leer. Und eine zänkische Stimme in mir fragte, wovor ich eigentlich gerade weglief: vorm Wolf im Schafspelz oder der eigenen Courage?

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