Das Rettungskommando (Letzer Teil)

Der Osterhase stand wie hypnotisiert an der Stelle, an der er aus dem Traktor gesprungen war. Er wollte seinen Freunden zu Hilfe kommen, doch sein Körper blieb starr vor. Und so sah er durch den Nebel wie Fiesolin sich am Boden vor Schmerzen krümmte, Leon vor Freude laut bellte und Bauer Runkel mit seiner Schrotflinte in der Hand seinen Traktor erreichte. Er hievte sich durch die offene Seitentür hinein und versuchte, den Stein auf dem Gaspedal zu entfernen. Er rüttelte und zerrte doch der Wagen fuhr unbeirrt weiter. Der Stein steckte fest. Mit einem lauten Platsch landete das Fahrzeug mit dem Bauern im See. Der Wachhund Leon hob seinen Kopf und sprang sofort seinem Herrn hinterher ins Wasser. Fiesolin verstand schnell, dass das seine Chance war zu fliehen. Noch nie hatte der alte Hase einen Fuchs so schnell rennen sehen. Er sauste den Berg hinauf Richtung Wald, wo er sich sicherlich in einer Höhle verstecken würde.
 
„Meister Lampe!“ Auch Lümmel rannte vom Steg auf den Osterhasen zu, der immer noch dem Fuchs hinter her schaute. „Wir müssen weg von hier und Hella befreien.“
 
Lümmel stand vor dem Hasen und neigte seinen Kopf zu Boden, damit er besser aufsteigen konnte. Was für ein mutiger kleiner Racker, dachte sich der Osterhase. Ist verletzt, schlottert vor Angst und Kälte und doch hat er nur seine Freundin im Sinn. „Auf geht es.“, antwortete der Hase und hüpfte auf den Rücken des Lamms.
 
Lümmel setzte sich sofort in Bewegung. Er hechelte und schnaufte, dennoch versuchte er sich seine Müdigkeit nicht anmerken zu lassen. Der Nebel war dich geworden, aber der Osterhase konnte die Umrisse des Bauernhofs bereits erkennen. Das Lamm hielt vor der Scheune, wo die Hühner bereits aufgeregt gackerten.
 
„Lümmel, kannst du den Holzbalken dort entfernen?“, fragt der Hase.
 
Das Lamm nickte und tat wie ihm geheißen. Als das Holz zu Boden fiel, öffnete sich die Tür und eine Schar von Hühnern drängte sich an ihnen vorbei nach draußen.
 
„Danke!“
 
„Verbindlichsten Dank!“
 
„Das vergessen wir euch nie!“
 
Die Hühner waren außer sich vor Freude und schmeckten die frische Luft der Freiheit.
 
Rennt so schnell ihr könnt, nach Norden in diese Richtung. Dort lebt Bauer Sommernach. Er hat einen großen Stall und wird sich gut, um euch sorgen.“, rief der Hase ihnen zu und wendete sich dann zu Lümmel: „Komm, lass uns ins Haus. Wir müssen Hella befreien.“
 
An der Eingangstür zum Bauernhaus stoppte Lümmel und der Hase stieg ab. Runkel hatte die Tür offen gelassen und langsam schritten sie in das Innere. Es war unheimlich hier. Es stank nach Mäusedreck und toten Tier. An den Wänden hingen verzerrte Tierfratzen und der Boden war dreckig.
 
„Hella!“, rief der Osterhase. „Wo bist du?“
 
„Meister Lampe?!“, hörten sie eine leise zittrige Stimme. „Hier… hier bin… ich….“
 
Sie erreichten das Wohnzimmer und da war sie: Hella. Eingesperrt in einem Käfig, den sie fast vollständig ausfüllte. Ihr prächtiges Farbenkleid war ganz blass geworden und einige besonders schöne Federn lagen um den Käfig herum. Ihre Krallen waren rot und schienen geschwollen zu sein, die Augen waren blutunterlaufen. Was für ein Anblick.
 
„HELLA!“, rief Lümmel erschrocken und rannte zu ihr. Er leckte sie zur Begrüßung ab und untersuchte sie nach Verwundungen.
 
„Wir haben keine Zeit zu verlieren.“, erinnerte sie der Osterhase. „Hella, weißt du, wo Runkel den Schlüssel aufbewahrt?“
 
Hella nickte. „In der Schublade unter dem Schreibtisch.“, hauchte sie leise.
 
Der Hase kramte und hatte den Schlüssel schnell zur Hand. Gerade als er den Käfig öffnen wollte, stand ein ungebetener Gast im Eingang.
 
„Nicht so schnell!“, bellte Leon ihn an. Sein Fell stank und er tropfte auf den Boden.
 
„Erst klaut ihr mir meine Hühner und dann auch noch meinen Schatz. Das werdet ihr bereuen.“ Bauer Runkel stapfte ins Zimmer. Er tropfte und zitterte vor Kälte. In seiner Hand hatte er die Schrotflinte, die er scheinbar nie losließ, so als wäre sie angewachsen.
 
„Leon, was mache ich wohl morgen zum Mittag? Hase oder doch lieber Lamm?“, fragte er seinen Hund und zielte erst auf den einen und dann auf den anderen. „Oder vielleicht stopfe ich mir die zwei Freunde doch lieber aus und hänge sie an die Wand?!“
 
Der Osterhase schaute sich im Raum um. Irgendetwas musste ihm einfallen. Doch er sah nichts, dass ihn aus dieser Situation hätte befreien können. Bis er plötzlich einen lauten Kampfschrei draußen hörte: „ATTACKE!!!“
 
Auf einmal strömte ein weißes Heer gackernder Hühner den Raum. Es waren so viele, dass bald der ganze Raum voll mit ihnen war. Und mitten drin: Fiesolin, der die gefiederte Mannschaft anführte. „Entwaffnet Runkel!“, schrie er. „Und stürzt euch auf Leon. Legt ihm einen Maulkorb an! Er ist bissig.“ Bereits zehn Flügelschläge später, waren Bauer Runkel und Leon überwältigt und an zwei Stühle gefesselt. Der Osterhase rannte zu Hellas Käfig und schloss ihn auf. Das bunte Huhn war sehr schwach und umarmte ihn mit aller Kraft, die ihr noch geblieben war. Er setzte sie aufs Lümmels Rücken. “Jetzt sind wir alle in Sicherheit.”, flüsterte er ihnen zu. Fiesolin kam, er hinkte ein wenig.
 
„Was macht dein Schwanz?“, fragte ihn der Osterhase.
 
Fiesolin zuckte mit der Schulter. „Wir Füchse kennen keinen Schmerz.“
 
„Ich hätte nicht mit dir gerechnet.“, erwiderte der Hase.
 
„Wenn ich heute eins gelernt habe, dann dass man manchmal stärker in der Gemeinschaft ist, selbst wenn es sich nur um Hühner handelt. Und jetzt werde ich verschwinden, bevor mich der Heißhunger packt. Wir sehen uns wieder Osterhase!“, rief der Fuchs und verschwand durch die Tür.
 
„Ein seltsamer Zeitgenosse….“, murmelte Lümmel. Und der Osterhase lachte.
 

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