Die Hühner des Bauern Runkel (Teil 3)

„Hier ist es…“, schnaufte Lümmel und hielt auf der Spitze eines Hügels. Er deutete mit seinem Kopf nach unten, wo ein Bauernhaus und ein alter Holzschuppen standen. Der Osterhase stieg vom Rücken des Lamms und schaute sich um. Eigentlich sah alles sehr friedlich aus. Rauch stieg aus dem Schornstein des Bauernhauses. Die Weide um das Haus war mit einer Schneedecke überzogen. Kein Tier war zu sehen. Sollte er Hella hier hin verschleppt haben?
 
„Hört doch mal….“ Der Fuchs stellte seine Ohren auf. Er witterte etwas. Und da hörten sie es: ein müdes Stimmwirrwarr von dutzenden, vielleicht hunderten von Hühnern.
 
„Sie sind in dem Schuppen da.“, sagte Fiesolin. Sein Blick hatte sich etwas verändert. Auf dem Weg hierher war er sehr vorsichtig gewesen, hatte recht oft um sich geschaut, so als prüfe er, ob der Hase und das Lamm ihn nicht doch in eine Falle führten. Nun schien ihn aber der Geruch der Hühnchen etwas zu betören, denn seine Augen waren weit aufgerissen, ein Lächeln zeichnete sich in seinem Gesicht ab und seine Schritte wurden schneller.
 
„Dann gehen wir mal hinunter und fragen uns durch, ob Hella hier ist.“, entschied der Osterhase und ging los, ohne auf die Zustimmung seiner Begleiter zu warten. Lümmel setzte sich sofort in Bewegung. Doch bereits beim ersten Schritt, den er machte, trat er auf einen Stein, der unter seiner Hufe wegrutschte. Er wackelte, verlor das Gleichgewicht und griff nach dem Nächsten, das er zu fassen bekam: Fiesolins Schwanz. Der Fuchs heulte auf und kam ebenfalls in Stolpern. Lümmel ließ sofort seinen Schwanz los, doch da hatte er den Fuchs schon von den Pfoten gerissen. Gemeinsam stürzten sie mit voller Wucht auf den Osterhasen und verhedderten sich zu einem Knäuel, das in rasender Geschwindigkeit den Berg hinab schlitterte. Schließlich donnerten sie in einen aufgeschütteten Haufen Schnee, der ihre ungewollte Rutschpartie zum Stillstand brachte.
 
„Tollpatschige Lämmer wie du sollten gefressen werden!“, fauchte Fiesolin unter der Schneedecke. Seine mächtige Pranke schoss aus dem Schnee und knallte an einer anderen Stelle wieder hinunter.
 
„AAAAAH.“, schrie das Lamm. „Fass mich nicht an, du gemeines Raubtier! Oder ich zeige dir wie kräftig meine Zähne sind!“
 
„Auseinander!“, rief der Hase, von dem bisher nur die Ohren zu sehen waren.
 
Der Schneeberg bewegte sich und langsam entstiegen drei unheimliche Schneegestalten. Erst nachdem sie sich das Fell geschüttet hatten, waren sie wieder als Tiere zu erkennen.
 
„Wenn ihr weiter so ein Krach macht, kommt Runkel mit seiner Schrotflinte. Der fragt nicht lange, was ihr hier wollt. Glaubt mir, ich weiß wovon ich spreche.“, flüsterte eine kratzige Stimme.
 
„Wer war das?“, fragte der Hase und drehte sich um. Er entdeckte ein kleines Loch im Schuppen und ging näher heran. Ein Schnabel war im Dunkeln des Inneren zu sehen.
 
„Heinz mein Name. Ich bin der einzige Hahn hier im Stall.“, stellte er sich vor und begann laut zu husten.
 
„Oh je, er ist erkältet.“ Lümmel schien beunruhigt und stellte sich neben Meister Lampe.
 
„Er sollte sich lieber, um seine eigene Gesundheit sorgen machen.“, murmelte Fiesolin so leise, das nur er es verstand.
 
„Ach, das geht schon.“, erklärte Heinz. „Die Luft ist hier nur so schlecht. Vom Futter ganz zu schweigen. Runkel spart eben an jeder Ecke. Wir haben nicht einmal Platz uns zu bewegen. Von daher geht es mir noch gut. Ich habe den Stehplatz hier an diesem Guckloch bekommen, da fällt hin und wieder etwas Sonnenlicht hindurch und etwas frische Luft bekomm ich auch. Echter Luxus hier in diesen Stall.“
 
„Wie schrecklich…“ Lümmel schüttelte fassungslos seinen Kopf.
 
„Heinz, wir holen dich und deine Freunde hier raus.“, tröstete ihn der Hase. „Aber verrate mir nur eins. Ist ein Huhn namens Helga bei euch? Du hättest es in jedem Fall erkannt, denn es hat bunte Federn.“
 
„Das bunte Huhn habe ich gesehen. Runkel hat es in einen Käfig eingesperrt und in sein Haus mitgenommen. Aber sag mir, wie willst du uns retten?“, fragte Heinz.
 
„Lass das nur meine Sorge sein, mein Freund.“, antwortete der Hase. „Wir kommen zurück.“
 
Er drehte sich zu seinen Begleitern herum. „Es ist Zeit, dass hier etwas passiert. Ich schlage vor, wir lenken Bauer Runkel ab. Einer von uns spielt den Köder. Er lockt Runkel heraus und führt ihm vom Hof. Die anderen zwei retten die Hühner und Hella.“
 
„Wer soll das machen?!“, zischte der Fuchs.
 
„Hmm, ein alter Hase scheint mir dafür nicht geeignet.“, überlegte Meister Lampe. „Ja, und ein tollpatschiges, verletztes Lamm wird am Ende nur alles ruinieren. Oder was meinst du, Fiesolin?“
 
Die Augen des Fuchses waren blitzartig so schmal wie Schießscharten. Er bewegte seine Schnauze ganz nah an den Osterhasen heran und schaute ihm tief in die Augen. „Hör auf mich für dumm zu verkaufen!“, fauchte er. „Ich werde mir sicherlich nicht mein Fell über die Ohren ziehen lassen, für das Leben ein paar wertloser Hühner. Ich bin hier, um den Bauern einen Denkzettel zu verpassen. Aber das werde ich mit List tun und nicht auf die Vorschläge eines Hasen hören!“ Mit einem leisen Knurren versetzte er seinen Worten Nachdruck und schritt an dem Hasen vorbei zum Haus.
 
Lümmel starrte den Osterhasen mit großen Augen an. Das Lamm zittert leicht – vor Aufregung oder vor Kälte. „Mach dir keine Sorgen, mein Freund. Wir finden eine Lösung.“, versuchte der Hase ihn aufzumuntern, hüpfte auf seinen Rücken und strich ihm über den Kopf. Langsam setzte sich das Lamm in Bewegung und folgte dem Fuchs zum Haus von Bauer Runkel.
 

Related posts