Die vier Elemente (Teil 1)

Prolog

Kojos hastete an den urigen Eichenbäumen vorbei als wäre der Teufel persönlich hinter ihm her. Immer wieder attackierten ihn die dünnen Zweige der wilden Sträucher, doch davon ließ sich der Neunjährige nicht beeindrucken. Er musste zu seiner Herrin und ihr so schnell wie möglich von dem Überfall erzählen. Doch er hatte seine Mühe sich einen Weg durch das Labyrinth der wuchernden Hecken und gewaltiger Stämme zu bahnen. Seine schlanken Hände hatte er angespannt und zu zwei Macheten geformt, die ein Spalier durch das Netz der feindlichen Äste schlugen. Doch sie wehrten sich und kratzten tiefe Furchen in seine Haut. Ein wuchtiger Baum hatte riesige Wurzeln wie Fangarme. Kojo sprang hinüber ohne sie zu berühren und landete auf einem mit Moos bewachsenen Stein. Als nächstes bäumten sich zwei schmale Stämme vor ihm auf. Der Junge nutzte den knappen Spalt zwischen den beiden und zwängte sich hindurch. Obwohl er eine sehr schmale Gestalt war, passte er nicht hindurch. Die vertrocknete Rinde krallte sich in seine Haut und sofort spürte er einen pochenden Schmerz. Nur nicht stehen bleiben, dachte sich Kojo und riss seine Arme nach vorne. Seine Schulter begann zu bluten, doch er durfte keine Zeit verlieren. Er musste Daruma, der Königin des Waldes, von seiner schrecklichen Entdeckung berichten. Da! Rot- und Grautöne schimmerten zwischen den Zweigen hindurch. Das waren die Zelte. Dumpfe Stimmen drangen durch das Dickicht zu ihm. Es konnte nicht mehr weit sein. Kojo mobilisierte noch einmal alle Kräfte und schwang sich an einem Ast einen weiteren Meter nach vorne. Die Bäume lichteten sich, die Zelte waren nun deutlich zu erkennen. Er hatte es gleich geschafft. Einige Dorfbewohner sahen ihn in der Ferne. Beunruhigt ließen sie ihre Arbeit ruhen und beobachteten wie der Junge an ihnen vorbei rannte. Kojo erreichte die Siedlung und lief so schnell wie es seine Beine zuließen zum Haus seiner Herrin. „Wirst du verfolgt?“, rief ihm jemand hinterher. „Ist etwas Böses im Wald?“, klagte eine Frau. Doch Kojo durfte nicht anhalten. Seine Herrin musste wissen, was er gesehen hatte.
Endlich sah er es, ein braunfarbenes Tempelzelt. Das Zelt seiner Herrin. „Lass mich durch, ich muss zur Herrin!“, rief er schon von weitem, dem kräftigen Jungen zu, der heute für die Bewachung zuständig war. Doch anscheinend war er nicht gewohnt, schroffe Befehle von einem kleinen Jungen entgegen zu nehmen. Und so stellte sich der kräftige Hüne mit verschränkten Armen vor den Eingang.

„Du kannst jetzt nicht zu ihr rein.“, erklärte er ihm, „Sie zelebriert die Mgumba und …“

„Aber ich muss sie sofort sprechen.“, fiel Kojo ihm ins Wort und versuchte einfach, schnell an dem Riesen vorbei zu kommen. Der Wachposten aber griff geschwind nach Kojos rechten Arm und riss ihn zurück. Die Wucht, die auf Kojos Körper einwirkte, lies ihn einen Augenblick die Orientierung verlieren. Er stolperte, drehte sich im Kreis und fiel schließlich zu Boden auf sein Hinterteil. Die Wache brüllte vor Lachen. „Komm nachher wieder, kleine Tanzfee. Vielleicht hat Dauma dann Zeit, mit dir zu spielen.“

Kojo stand wütend auf und bestrafte den Riesen mit einem Blick den seine Mutter immer aufgesetzt hat, wenn er was angestellt hatte. Doch der Wachposter blieb unbeeindruckt und Kojo wurde klar, dass er seine Taktik ändern musste, um an dem Muskelpaket vorbeizukommen.

„Ich muss wirklich zu ihr.“, erklärte er mit Nachdruck, „Ich habe eine schreckliche Beobachtung gemacht. Dauma muss unbedingt davon erfahren. Etwas unglaublich Schreckliches erwartet uns.“

Der Muskelprotz zuckte nur mit den Schultern. „Wenn es so wichtig ist, dann sag es mir. Sobald sie Zeit hat, werde ich ihr deine Nachricht überbringen.“

Kojo schüttelte den Kopf. „Nein, das geht nicht! Ich muss sie sofort sprechen. Sie hatte mich beauftragt.“

Der Posten zog seine Mundwinkel nach unten „Welchen Auftrag würde sie dir wohl anvertrauen? Solltest du die Bäume im Wald zählen?“ Er hatte keine Lust mehr auf diese Diskussion. „Sie hat keine Zeit für dich. Und ich habe sie auch nicht. Deswegen verschwindest du jetzt besser, bevor ich es bin, der deine Beine zum Laufen bringen muss.“, entgegnete der Wachposten in einem sehr klaren und deutlichen Ton. Begleitet durch das Zucken seiner Muskeln wirkte er unglaublich überzeugend. Kojo hielt kurz inne und ging alle Möglichkeiten im Gedanken durch. Er konnte nicht zurück. Der Wächter hatte genug und näherte sich Kojo.

„Daruma!“, kreischte der kleine Junge und begann, wild um sich zu schlagen, „Daruma, die Priesterin ist in Gefahr! Sie sind gekommen, sie zu holen. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen!“ Den Hilferufen folgte ein verzerrter Schrei, denn der muskulöse Wächter hatte Kojo inzwischen erreicht und zerrte ihn in die Höhe.

„Ich habe dich doch gebeten, zu gehen!“, rief der Protz und lies Kojo an seinem ausgestrecktem Arm baumeln. „Was denkst du, was ich jetzt mit dir machen werde?“

„Daruma!!!“, versuchte Kojo es erneut.

„Genug!“, unterbrach eine Frauenstimme das Gerangel, „Lass ihn runter, Gakere! Und du, Kojo, hörst sofort auf. Kein Ton mehr, dann kannst du herein kommen.“ Es war Daruma, die diesen Streit beendete. Triumphierend grinste Kojo sein Gegenüber an, der ihn sofort fallen ließ. Kojo rappelte sich auf. Er ließ Gakere nicht aus den Augen und ging im weit möglichsten Abstand an ihm vorbei zum Zelteingang. Mit schnellen Schritten rettet sich Kojo hinein und betrat den dunklen Empfangsraum seiner Herrin. Zwar erkannt er die Tür am Ende des Raumes, die sicherlich zu den Privatgemächern Darumas führten, doch selbst mit dieser wichtigen Nachricht, die er ihr zu überbringen hatte, traute er sich nicht, sie dort zu stören. So beschloss er, stehen zu bleiben und hier auf sie zu warten. Er schaute sich im Zimmer um. Die Wände waren geschmückt mit heiligen Masken und Gebetssprüchen, die handschriftlich auf altem Pergament geschrieben waren. In der Mitte des Raumes stand der hölzerne Königsstuhl, eine Heiligkeit seines Stammes. Seine Ahnen hatten ihn schon vor vielen Jahren angefertigt und die Tiere des Waldes hinein geschnitzt. Die Stuhlbeine waren eine Nachbildung gefährlicher Schlangen. Die Armlehnen sahen aus wie Wölfe, die ihre Mäuler hungrig weit aufrissen. Kojo trat einen Schritt näher heran. Ihre Zähne waren so spitz, wie die der echten Wölfe: Ob sich die Königin daran schon einmal geschnitten hatte?

„Kojo!“, riss ihn die Stimme seiner Herrin aus den Gedanken. Sie kam aus ihren Gemächern hervor und Kojo senkte sofort unterwürfig den Kopf

„Ich hoffe, es war nicht nur ein böser Geist, der dich geritten hat, mich derart zu stören.“, sagte sie streng und nahm auf ihrem Stuhl Platz.

„Sie haben die Priesterin entführt!“, flüsterte er ihr zu.

„Die Priesterin? Was redest du denn da? Wer sollte denn wissen, dass sie hier ist?“, fragte Daruma.

„Ich weiß nicht, wer es war, aber er hat alles verwüstet. Ihr Tempel ist völlig zerstört. Ich habe sie gesucht unter all den Trümmern, aber konnte sie nicht finden. Sie ist verschwunden und bestimmt nicht freiwillig gegangen.“

Die Königin verstummte. Sie stand von ihrem Stuhl auf und ging durch das Zimmer.

„Der Drudenfuß…“, fügte Kojo noch leise hinzu, „Das große Amulett des Drudenfußes, das an ihrer Haustür hing… Es wurde zerstört.“

Daruma riss die Augen weit auf und hielt für einen Moment die Luft an „Kojo, wenn das wahr ist…“, sie stockte und schon wieder kam ihr Atem ins Stocken. Sie schüttelte den Kopf und schaute dann wieder zu Kojo. „Wir werden eine Reise zum König machen. Er muss erfahren, was hier geschehen ist. In der Morgendämmerung werden wir aufbrechen. Du wirst mich begleiten, Kojo. Du hast doch keine Angst, das Dorf zu verlassen?“
Kojo schüttelte seinen Kopf, lies ihn aber weiterhin gesenkt, obwohl er Lust gehabt hätte, seiner Herrin dankend um den Hals zu fallen.

„Aber nein doch meine Herrin, ich habe keine Angst und werde ein guter Begleiter sein und auf Sie aufpassen.“, versprach er freudig und entlockte Daruma ein kurzes Lächeln.

„Das werden wir doch besser Gakere überlassen.“, antwortete sie sanft „Geh jetzt nach Hause und bereite alles Notwendige vor! Bei Sonnenaufgang werden wir losziehen.“

Kojo nickte, drehte sich um und verließ das Zelt.

Daruma war es schwindelig geworden und so ließ sie sich in ihren Thron fallen. Sie starrte zu den Gebetssprüchen an der Wand. Sie hatte versagt. Sie hatte alles getan, um es zu verhindern, aber das Böse war zu mächtig geworden. Jetzt musste sie schnell handeln, um ein noch größeres Unheil zu verhindern. Die Legende durfte nicht wahr werden. Sie musste verhindern, dass sich die Schatten über dem Land ausbreiteten.

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