Hella, das verrückte Huhn (Teil 1)

‚Was für ein kalter Ostermorgen!‘, dachte sich der Osterhase, als er aus seinem Bau stieg. Seine Hasenhöhle lag unter einer alten Eiche mitten in einem tiefen Wald. Die Bäume rings um ihn ragten mächtig in den Himmel hinein. Winzige Schneeflocken fielen vom herab und vermischten sich mit dem milchigen Weiß des Nebels, der den Boden bedeckte. Ein kalter Wind zog durch die Bäume. Es war Ende März und trotzdem noch so bibberkalt, dass der Osterhase sich einen bunten Wollpulli mit einem großen, roten Elch und eine dicke blaue Hose angezogen hatte. Den selbstgestrickten Pullover hatte er von seinem Huhn Hella zu Weihnachten geschenkt bekommen. Er war an einigen Stellen etwas schief geraten, hielt aber unglaublich warm. Genau das richtige für einen Morgen wie diesen.
 
Neben der Eiche stand bereits eine Palette bunter Eier. Türkise Kringel, rosa Ringel, blassblaue Tupfer, orangefarbene Zacken. „Testware“ wie Lümmel das Lamm sie nannte. Zu dritt wollten sie die ersten bunten Ostereier, heute verstecken. Weitere tausende von Eiern lagerten sie unter der Erde in ihrem geheimen Hasenbau. Der Hase näherte sich der Palette und griff nach einem türkisfarbenen Ei. Er hob es an und hielt es gen Himmel. Die Farben begannen zu schimmern und er nickte zufrieden. Gute Arbeit, dachte er sich und legte das Ei wieder zu seinen farbigen Freunden. Seitdem Huhn Hella ihm die Eier legte, war er immer wieder überrascht, was für Formen und Farben es auf dieser Welt eigentlich gab. Das bunte Huhn war nämlich eine echte Ausnahmeerscheinung. Hella legte keine weißen oder braunen Eier, sondern wundervoll farbige. Ihre Eier waren so fantasievoll verziert wie Hellas Federkleid. Ihr Kopf war mit blau-grau-getupften Federn übersät. Die Flügel in kräftigen Gelb- und Rottönen wirkten wie ein Kaminfeuer. Eine lila Welle schmückte ihren Bauch und ihr Schwanz war schwarz-geld kariert. Ein echter Paradiesvogel, der so wild war, wie er aussah.
 
Apropos, wo blieb das verrückte Huhn und sein treuer Begleiter Lümmel das Lamm eigentlich? Sie wollten doch nur Feuerholz holen. Der Hase seufzte. Hoffentlich hatten sie nicht schon wieder etwas angestellt. Das letzte Mal hatten sie bunte Eier in Vogelnester gelegt und allen Tieren des Waldes erzählt, dass der Kuckuck sie verteilte. Es dauerte nicht lange, da war ein riesiger Habicht zum Bau des Osterhasen gekommen und hatten sich lauthals krakeelend beschwert. Und so ein Habicht war ganz schön groß und ganz schön hungrig. Der Hase hatte sich nach allen Regeln der Kunst entschuldigt und gab sich große Mühe ihn zu besänftigen. Doch es dauerte über eine Stunde, bis der riesige Vogel wütend von dannen zog.
 
„MEISTER LAMPE!“ Der aufgeregte Ruf seines Namens riss den Osterhasen aus den Gedanken. War das Lümmel gewesen, der ihn gerufen hatte? Der Hase schaute sich um, doch konnte nichts erkennen. Die Bäume standen hier sehr dicht zusammen und der Nebel war noch nicht verzogen. Er stellte seine Ohren auf und lauschte in den Wald. „MEISTER LAAAAAAAMPE!“ Ja, das war Lümmel! Das war sein Lamm, das nach ihm rief.
 
„LÜMMEL“, schrie der Hase in den Wald. „Ich bin hier!“ Seine Augen suchten den Wald ab, doch nirgendwo konnte er das Lamm erkennen. Bis es auf einmal zwischen zwei Bäumen hindurch schoss. Die langen, schmalen Beine seines kleinen Freundes bewegten sich so schnell als wäre der Teufel höchstpersönlich hinter ihm her. Als Lümmel den Hasen sah, bremste er erschrocken ab, kam ins Stolpern und flog mitten in die Palette Eier.
 
Der Osterhase eilte erschrocken zu ihm, strich die zerbrochenen Eierreste aus dem Lammfell und half Lümmel beim Aufstehen. „Hella, das Huhn!“, keuchte das Lamm. Sein Atem rasselte wie ein alter Zug.
 
„Was ist mit Hella?“, fragte der Hase und strich ihm über den Rücken. Als er das Lamm genauer musterte fiel ihm eine Wunde am Bein ins Auge. „Du bist ja verletzt!“ schrie er erschrocken. Er holte ein weißes Tuch aus seiner Hosentasche hervor und band es um das blutende Beins des Lamms. „Tut es noch weh?“, fragte er.
 
„SIE IST ENTFÜHRT!“, schnaufte Lümmel. Seine Augen waren weit aufgerissen und er schabte mit seinen Hufen.
 
„Wer ist entführt? So beruhige dich doch.“, rief der Hase aufgeregt. „Atme tief durch und erzähle mir, was passiert ist.“
 
Das Lamm warf seinen Kopf in die Nacken und sog mit einem grunzenden Laut eine riesige Portion Luft ein. Anschießend warf er seinen Kopf nach vorne, spitzte seinen Mund zu einer breiten Schnute und atmete mit einem tiefen, langen Keuchen aus. Schließlich schaute er zum Hasen hinüber, schüttelte seinen Kopf und begann dann seine Erzählung: „Ich war mit Hella auf der Suche nach Brennholz im Wald. Und das verrückte Huhn entdeckte eine Fährte auf dem Boden. Sie schwor Stein und Bein, dass das die Fährte eines Fuchses sei. Ich glaubte ihr nicht, denn in unserem Wald gibt es doch keine Füchse mehr. Doch das Huhn war beunruhigt, schließlich stehen Gefiedervieh und Lämmer bei einem solchen gefährlichen Tier ganz oben auf der Speisekarte und so folgten wir der Spur. Sie führte uns heraus aus dem Wald direkt auf ein Feld, dass der Bauer Runkel bewirtschaftet.“
 
„Wie oft habe ich euch gesagt, ihr sollt den Wald nicht einfach ohne mich verlassen?“, unterbrach Meister Lampe die Geschichte. „Es lauern so viele Gefahren da draußen!“
 
„Ja, so ist es…“, murmelte Lümmel leise. „Eine davon haben wir heute kennengelernt. Während ich gerade die Umgebung auskundschaftete und nach dem Fuchs Ausschau hielt, machte Bauer Runkel fette Beute. Ich hatte Hella, das Huhn nur zwei Sekunden aus den Augen gelassen. Das schwör ich beim großen Lämmergott! Ich war auf einen Hügel gestiegen, um eine bessere Aussicht zu haben und als ich wieder zu Hella hinsah, stülpte der fiese Bauer gerade einen Sack über sie. Dieser dicke, gemeine Mann freute sich gar fürchterlich. Hella schien sich mit allen Kräften zu wehren, denn der Sack beulte sich in alle Richtungen. Doch Runkel schnürte ihn fest zu und Hella hatte keine Chance. Ich wollte sofort zu ihr rennen, aber ein riesiger Hund stellte sich mir in den Weg. Er sah aus wie ein Löwe. Sein Fell war lang und dicht, seine Zähne spitz und gefährlich. Ich setzte gerade an, an ihm vorbei zu springen, da bohrten sich schon seine Zähne in mein rechtes Vorderbein. Der Schmerz war so stark, dass es mich zu Boden warf. Der Hund lachte verächtlich und rannte wieder zurück zu seinem Herren. Als der Schmerz endlich nachließ und ich mich aufraffte, war von Hella keine Spur mehr.“
 
Der Hase ließ seine Ohren sinken. So schlechte Nachrichten hatte er nicht erwartet.
 
„Wir müssen Hella befreien.“, rief Lümmel. „Ich will mir gar nicht ausmalen, was dieser Widerling alles mit ihr anstellen wird.“
 
„Mach dir keine Sorgen.“, beschwichtigte ihn der Hase. „Ich kenne Bauer Runkel. Er denkt nur ans Geld. Er wird Hella nichts tun, denn so ein buntes Huhn hat er sicherlich noch nie gesehen. Er wird sie also verkaufen wollen und nicht schlachten. Das bringt ihm am meisten Geld. Doch bevor es soweit ist, haben wir sie wieder befreit. Kannst du noch laufen?“ fragte der Hase.
 
„Spring auf. Ich habe genug Kraft für uns beide. Wir werden Hella befreien.“, antwortete Lümmel und der Osterhase nickte.
 

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