Stillstand auf Zeit

Mein Kopf war leer, nur ein nervöses Summen dröhnte in meinen Ohren. Ich war müde, musste aber wach bleiben und etwas Sinnvolles tun. Der Geschirrspüler war bereits bepackt, die Trommel Wäsche angestellt, meine Socken sortiert und mein E-Mail-Account hatte ich schon etwa fünfmal gecheckt. Doch der Tag war immer noch nicht um und schien sich, lang zu ziehen wie Kaugummi.
 
Da ich ja irgendetwas machen musste, begann ich zu lesen. Doch ich hielt nicht lange durch und legte mein Buch zur Seite gelegt. Es deprimierte mich. Dem Protagonisten ging es echt fies. Er bekam nicht die Frau, die er liebte, wurde von seinen Chefs bösartig ausgebeutet und hatte jetzt auch noch erfahren, dass er bald sterben würde. Was für eine Grütze. Mein Magen meldete sich. Aber der Blick auf die leere Kekspackung machte mir ein schlechtes Gewissen. Eigentlich wollte ich die freie Zeit nutzen, um ein bisschen Sport zu machen und ein paar Kilos runter zu bekommen. Aber seitdem ich zu Hause war, schaufelte ich alles in mich herein, was mir über den Weg lief.
 
Ein dumpfes Klopfen machte sich in meinem Kopf breit. Musste am Wetter liegen. Gestern war es noch schön sonnig gewesen. Heute sorgte die graue Wolkendecke für eine triste Atmosphäre. Schade, ich hätte sonst unseren Balkon einmal aufräumen können oder vielleicht schwimmen gehen.
 
Das Telefon klingelte. Meine Mutter war dran und begann sofort, von ihrer Arbeit zu erzählen. Ein Redestrom brach über mich herein. Mir wurde schwindlig. Hin und wieder brummelte ich ein „Hmm“, „Ach ja“ oder „Na, dann“ und beobachtete nebenbei die Bücher in meinem Schrank.
 
Die Worte meiner Mutter wurden immer leiser, als würde ich sie an einem Regler herunterdrehen. Meine Augen schweiften durch den Raum. Das Buch über Afrika, könnte ich auch mal lesen. Ach und den Englisch-Kurs, den probiere ich morgen einmal aus. Ist der eigentlich mit CD-Rom?
 
„Und wie geht’s dir so?“ Meine Mutter stellte diese Frage laut, aber es war die Stille, die der Frage folgte, die mich aus meinen Gedanken riss.
 
„Klasse!“ antwortete ich kurz. Ich schaute auf die Uhr. Es war drei. Zeit für einen kleinen Imbiss.
 
„Und hast du schon was gehört?“, fragte meine Mutter. Mein Magen krampfte. Das musste der Hunger sein.
 
„Wenn sich was Neues ergibt, melde ich mich!“ hörte ich mich zischen und wusste, dass ich log. Seit Wochen hatte ich keinen mehr angerufen und ich hatte es auch nicht vor.
 
„Gut, gut“ säuselte sie in den Hörer „Es ist schon echt schlimm heutzutage. Dass es gerade dich erwischt, obwohl du doch so jung und so gut ausgebildet bist. Was soll erst werden, wenn du älter bist?“ Das Pochen in meinem Kopf wurde lauter. Scheiß Wetterumschwung. Ich öffnete den Kühlschrank.
 
„… das ist wegen der Wirtschaftskrise. Die stellen keinen mehr ein und da kann man auch nichts machen…“
 
Vielleicht ein Glas Saft. Ich studierte die Nährwertangaben. 43 Kalorien auf 100 Milliliter. Also da in ein Glas so 200 bis 250 Milliliter reinpassten, hieß das etwa 100 Kalorien. Wie in einem Jogurt. Ich schenkte mir den Saft ein und trank das Glas in einem Zug leer.
 
„… wenn du also was brauchst, dann sag Bescheid.“ kam meine Mutter zum Ende ihres Monologs. Ich bedankte mich bei ihr und wir verabschiedeten uns.
 
Ich ließ mich aufs Sofa fallen und lauschte ein wenig der Stille. Was die Nachbarn wohl machten, dass man nie etwa von ihnen hörte? Um die Uhrzeit war wahrscheinlich einfach keiner zu Hause. Ich griff zur Fernbedienung und machte den Fernseher an. Mist und Rotze auf allen Kanälen. Ich beendete meine Blitz-Zapping-Runde. Die Stille kehrte wieder zurück und füllte die gesamte Wohnung aus. Mich auch. Vielleicht sollte ich doch noch einmal im Netz nach Stellen schauen.
 
Brav setzte ich mich an den Schreibtisch. Mein Rechner lief noch und brummte vor sich hin. Ich tippte meine Suchbegriffe ein und überflog die Angebote. Kenne ich schon, Englisch als Muttersprache, hundert Jahre Berufserfahrung, überdurchschnittliche Kenntnisse im international Business blabla, nur hochbegabte Bewerber gesucht, lausige Bezahlung inklusive, modernes arbeiten in Kleinunterbergshausen. An einigen Stellen haderte ich und überlegte, wie ich meine Vita anders verkaufen könnte. Doch umso mehr ich an ihr herum bog, umso überzeugter war ich, dass es chancenlos war.
 
Mut behalten! Coache ich mich im Gedanken. Es waren doch erst ein paar Monate und das Arbeitsamt strafte mich noch nicht einmal mit Sinnlosigkeiten. Ich atmete tief durch. Was für eine schlechte Luft hier im Raum. Ich kippte das Fenster. Checkte mein Handy. Kein Anruf. Aber es war schon vier. Nicht schlecht. Den größten Brocken des Tages hatte ich schon geschafft. Und bald würde es Abendessen geben.
 
Mein Blick fiel auf die Fußleisten. Wann hatte ich die denn das letzte Mal geputzt? Ich schnappte mir einen Schwamm und die Scheuermilch und legte los. Das Schrubben gefiel mir. Die Kratzgeräusche durchbrachen die Stille und es roch angenehm nach Zitrone. Jeder Fleck, den ich entfernte, machte mich glücklich. Ich ging durch alle Zimmer und reinigte alles gründlich. Als die Arbeit getan war, lächelte ich kurz. Ein guter Job. Ein Blick zur Uhr verriet mir, dass es halb 5 war.
 
Ich wusch meine Hände und setzte mich erneut an den Rechner. Mal schauen, was in der Welt geschah. Ich las von Toten und Zerbombten, Beraubten und Verarschten, Heimatlosen und Waisenkindern. Und von einem Hund, der singen konnte. Ich massierte meinen Nacken. Die Kopfschmerzen ließen kurz nach. Es hatte inzwischen angefangen zu regnen. Nur gut, dass ich nicht schwimmen gegangen war. Mein Handy war immer noch stumm. Zeit, sich etwas zu Essen zu machen.
 
Zum Abendessen gab es Vollkornbrot mit Pute und einen Mate-Tee, der den Appetit zügeln sollte. Er schmeckte scheußlich. Ich schnitt mir ein paar Gurkenscheiben, schob sie mir in den Mund. Ich schmierte mir eine weitere Scheibe Brot. Durch die Wände hörte ich, dass die Nachbarn nach Hause gekommen waren. Ihr Fernseher lief. Was sie wohl schauten? Ich stellte mir vor, wie sie sich geschafft auf die Couch gefläzt hatten und müde von ihrem Tag berichteten.
 
„Du kannst dir nicht vorstellen, was mein Chef heute wieder gemacht hat!“ würde sie ihm sagen, während er sich gerade die Pasta vom Wochenende warm machte. Und dann würde er von seinem erfolgreich abgeschlossenen Projekt berichten und davon, dass wohl bald eine Gehaltserhöhung anstünde. Und sie würde sich beide freuen, denn schließlich hatten sie sich das redlich verdient. „Verdient“, das Wort klang in meinem Kopf nach. Und dann hörte ich meine Nachbarn lachen und könnte schwören, dass sie mich damit meinen.
 

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